Disembodied Online (Forts.)

 

Gemeinhin gilt die multimediale Technologie als Eisbrecher der Konsumentenaktivität. Das WorldWideWeb pflastert seine Bahnen mit Knöpfen, Zwischenfragen, Auswahlmenüs und Dialogboxen. Im Gegensatz zum Film - so wird uns gesagt - kann der autonome Websurfer von Welle zu Welle springen, selbständig nach Inhalten suchen, und sich als freier Dialogpartner am Webganzen beteiligen. Verfolgt man die Entwicklungen der Webgestaltung, so stellt man fest, daß ausgehend vom anfänglichen Text-Link-Page Mechanismus, der gleiche Schrift und Farbe zeigte für was auch immer hinter den Worten stand, sich nunmehr ein Wegweiser- und Vorselektionssystem etabliert hat, das die interaktiven Bemühungen der Benutzer in Kanäle lenkt, die ein Mitschwimmen erleichtert und ein Abschwimmen verhindert. In den Designlehrbüchern kann man lesen, daß die wichtigen Links mit größeren Bildern und leuchtenderen Farben auszustatten seien als die unwichtigen und muß sich selbst die Frage beantworten, welche Verzweigungen denn wichtig sind - und vor allem für wen. Man darf dies nicht manipulativen Intentionen allein zuschreiben, denn der Seufzer der mit Wahlmöglichkeiten überschütteten INTERNET-User nach Lenkung und Hilfe war deutlich vernehmbar. Die Softwareentwicklung für neue Browser weist in die Richtung eingeschränkter Wahlqual indem man Kanäle (channels) anbietet, die auf das vermutete Durchschnittsinteresse eines nationalen Benutzers eingestellt sind. Gerade die Internationalität, Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit aller Information wird damit wieder auf eine lokalstatistische Schmalbandigkeit zurückgeführt, der das INTERNET doch angeblich entkommen wollte. Auch die Begeisterung für die aktive Selektion von Information verkehrt sich derzeit in ihr Gegenteil. Zunehmend entdeckt man Softwaretools, die einem die eigenverantwortliche Auswahl abnehmen und die Maschine arbeiten lassen, während man selbst in Ruhe angenehmeren Dingen nachgehen kann.

Download-Roboter und Update-Assistenten verrichten die Plackerei der Textsuche, der Bildbeschaffung und der Klangsammlung zu einstellbaren Zeiten. Von einem Programm, das nächtlicherweise das angeblich so spaßige Netsurfen verrichtet, erfährt man.

"Mit Netscape Netcaster können Sie Informationen der besten Channels (Informationsdienste) im WWW abonnieren und sich nach einem individuellen Zeitplan automatisch zusenden lassen. Manuelles Herunterladen von Informationen und zeitaufwendiges Suchen ist damit nicht mehr erforderlich. Netcaster ermöglicht zudem das Navigieren im Offline-Modus."

Selbstverständlich läßt sich die Rationalität eines vom Benutzer entkoppelten selbstverpflichteten Surfprogrammes mit Argumenten reduzierter Telefonrechnungen und der Einsparung von Zeit vorgaukeln, doch eine Übertragung des Argumentes vom Websurfen aufs Wellenreiten läßt schnell erkennbar werden, worum es eigentlich geht:

Man versucht einem Surfer, dem man jahrelang das Wellenreiten schmackhaft gemacht hat, nun zu erklären, daß er anstatt selbst ins Wasser zu gehen, einen Surfroboter nachts seine Aktivitäten erledigen lassen soll. Der Vorteil davon - so wird gesagt - bestünde darin, daß es Zeit erspart. Die Argumentation, der sich die Softwareproduzenten zu bedienen scheinen, ist gewunden wie ein Möbiusband. Zuerst wird ein Bedürfnis deklariert, das durch eine technologische Erfindung angeblich erfüllt werden kann. Daraufhin wird eine Technik massenhaft installiert, die einen immer größeren Bedarf abdeckt. Im dritten Schritt wird schließlich eine Triebinversion initiiert, die das ursprünglich Gewünschte als lästig decouvriert. Damit wird im vierten Schritt eine neue Technologie erforderlich, die der Beseitgung der anfänglich ausgelösten Aktivitäten dienen soll. Das Objekt des künstlichen Aktivitätsschubes ist damit aus der unfreiwillig aktivierten Position in die passive zurückgeworfen und kann somit der nächsten großen Herausforderung entgegensehen.

Versuchen wir jenem düsteren Bild opressiv verhängter Interaktivitäts- und Interpassivitätsschübe nun ein anderes entgegenzuhalten, in dem der Benutzer und Konsument nicht als Spielball sondern als Spieler verstanden wird. Was wäre, wenn dem Wellenreiter aus der vorstehenden Geschichte das Wellenreiten von selbst langweilig geworden wäre. Er könnte, nachdem er über lange Strecken vom Wellenreiten geschwärmt hat, sich selbst als begeisterten Wellenreiter deklariert und annonciert hat, schlecht aus dem Wasser steigen und sich neuen Gelüsten - wie dem Briefmarkensammeln beispielsweise -, hingeben. Viel zu groß wäre dann nämlich die Gefahr, daß er anderen und sich selbst als unglaubwürdig, kurzatmig oder inkonsequent vorkäme. Es gäbe allerdings eine andere Möglichkeit, der ehemals freiwillig gewählten Lust zu entkommen. Er könnte die Durchführung der Aktivitäten übertragen, um sie sich selbst vom Hals zu halten. Bleiben wir weiterhin bei unserem Beispiel des Wellenreiters, so wäre es zwar unwahrscheinlich, daß er einen Surfroboter findet, er könnte aber möglicherweise jemand anderen von der Schönheit des Wassersports überzeugen und diesen für ihn aufs Meer gleiten lassen.

Im elektronischen Raum funktioniert die Übertragung via Technik jedenfalls perfekt. Der Webbot, der Software-Roboter und die Skripts führen für mich Dinge aus, die ich nicht machen kann und nicht machen will, die ich aber dennoch gemacht wissen will. Mailing-Listen haben oft genau diese Funktion. Nachdem eine Gruppe von Menschen ein Anliegen als wichtig und unverzichtbar erklärt hat, einigt sich die Gruppe, eine Mailinglist am INTERNET einzurichten, die alle Aktivitäten einzelner Beteiligter an alle anderen Teilnehmer der Mailinglist weiterleitet. Das kommunikative Gesamtvolumen wird dadurch kolossal erhöht. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Teilnehmer jede zweite Nachricht ungesehen in den Papierkorb werfen oder überhaupt keine einzige ansehen. Quantitativ wird jedenfalls Information multipliziert, und der subjektive Eindruck unglaublicher Aktivität bei faktischer Totalpassivität stellt sich ein. Die programmtechnische Krönung der Pseudoaktivitäten, die Mailinglisten vorgaukeln, stellt der Mechanismus der Mail-Filter dar, der es einem Teilnehmer der Mailinglist erlaubt, automatisch spezifische Mail-Items, das sind Botschaften einer bestimmten Person (oder auch Botschaften, die gewisse Wörter oder auch nur Buchstaben enthalten) zu eliminieren. Ohne den Boden technischer Rationalität verlassen zu müssen oder einen besonderen Zynismus entwickeln zu bemühen, lassen sich Mailinglists nachweisen, in denen beinahe ausschließlich versandt wird und fast nicht gelesen wird. Immer noch technisch rational ist die Möglichkeit eines Netzes, in dem nur mehr Information versandt wird, die kein menschlicher Rezipient jemals liest. Das Netz würde selbstverständlich weiterhin funktionieren, da alle Evaluationsmechanismen für Effizienz unabhängig von Aktivitäts- und Passivitätskriterien sind und darüberhinaus indifferent zwischen tatsächlichem Lesen durch einen menschlichen Benutzer und dem Laden durch einen Softwareroboter.

Die Verweigerung der Interaktivität kann daher als Sabotage des Systemes verstanden werden, sondern muß vielmehr als affirmative List der Informationskonsumenten am Datenkonsum betrachtet werden. Während der Saboteur die Mittel der Produktion zerstört, um sich den Ausbeutungsverhältnissen zu entziehen, kurbelt der interpassive Datenkonsument den Datenverkehr an, um von ihm verschont zu bleiben. In der Sphäre der Konsumption scheint die Interpassivität eine Rolle einzunehmnen, die affirmativ und destruktiv zugleich ist - im Gegensatz zu Sabotage und Konsumverzicht, die kritisch und destruktiv sein wollen. Man erinnere sich an die Konsumverweigerungsaktionen der 60er und 70er Jahre wie den Boykott von Orangen aus Südafrika, Schokoladenverzicht gegen schweizerische Nahrungsmittelkonzerne und vorweihnachtliche Spielzeugverdammungsaktionen. Sicherlich waren jene Aktionen als mikroskopische ökonomische Feldzüge bemerkbar oder als solidaritätsstiftende Handlungen nutzbringend, dennoch erzitterte das südafrikanische Regime nicht vor ein paar 10000 europäischen Südfruchtessern, die sich nun bei spanischen oder türkischen Herstellern bedienten. Die Konsumverweigerung leidet als politische Kampfmaßnahme an der Begrenztheit des möglichen, anrichtbaren Schadens. Man kann darüber spekulieren, welche Rolle einer forcierten Interpassivität in einem politischen Kalkül zukommen könnte. Was würde geschehen, wenn ein Großteil der Bevölkerung überhaupt nicht mehr in personam fernsieht, aber ständig aufzeichnet? Wohin geriete das INTERNET, wenn keine menschlichen Benutzer mehr die Inhalte abfragen würden, hingegen Software-Roboter die Datenleitungen bis an den Rand der Kapazitäten strapazierten?

Wenn Sabotage und künstlich herbeigeführte Überproduktion zwei entgegengesetzte Strategien zur Destruktion des Produktionsprozesses sind, so muß man in der Späre der Konsumption Konsumverzicht und Interpassivität als das polare Begriffspaar systembedrohender Prozesse ansehen. Die avancierteste Methode der Teilnahme am Informationszeitalter unter gleichzeitiger Ausschaltung seiner bedrückenden Aspekte ist daher die technologisch exekutierte Netz-Passivität, eine vom Körper abgehobene Methode des Im-Netz-Seins bei gleichzeitiger physikalischer Abwesenheit. In Anlehnung an John Cage's musikalische Idee vom Hören in den Dingen (disembodied ear), könnte man heute von "disembodied online" sprechen und damit die programmatische Forderung "Let the Sounds be Themselves" verwandeln in ein "Let the Web beItself". Man käme damit in der elektronischen Kommunikationssphäre an einem Punkt an, den John Cage vor knapp 20 Jahren mit der für ihn durchaus hoffnungsfrohen Vision beschrieb: "There will be no more discourse. Instead ... electronics."