Treppen, Rampen und Räume - Fundamente, Ornamente und Funktionen: Dies sind die Elemente eines architektonischen Vokabulares.Doch die selben Begriffe sind auch: Elemente eines Vokabulars der Musik. Wenn auf- und absteigende Skalen (skala, itl.: Treppe) Tonebenen verbinden, wenn Bässe das Fundament einer musikalischen Struktur bilden und Glissandi als Rutschbahnen fungieren, so beschrieben Klänge in einem tektonischen Raum Raumstrukturen.
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LINK - Wien, Helsinki, Bozen (Mathias Fuchs und Sylvia Eckermann)
Man ist versucht, Marionis Statement: "Sound is architecture in time" von der allzu kompakten, plastisch gemeinten Idee des Soundobjektes zu befreien und in Richtung auf den Gedanken einer Soundarchitektur hin zu erweitern. Klang wäre dann das Baumaterial mit dem man akustische Gebäude errichten kann: Klangkathedralen, Sound-Garagen, multitimbrale Hallen, intime Zimmer. Bereits die Sprache verrät, daß man Musik architektonisch lesen kann. Töne sind hoch oder tief. Melodische Figuren steigen oder fallen, Klänge haben Volumen oder sie sind flach. Der terminologische Raubbau des einen Mediums (Musik) am anderen (Architektur) läßt sich auch nutzbringend umkehren. Architektur kann in der Begrifflichkeit der Musik gelesen werden und sie kann in der Begrifflichkeit und Konzeptionalität des Klanges geschrieben werden. Wände, Tore und Möbel lassen sich aus Klang so gut konstruieren wie aus Stein, Stahl oder Holz. (Rudolf Leitners Tonmöbel, sein Ton-Tor und seine Ton-Räume sind dafür Beleg.)
Anhand eines architektonischen Elementes und Kommunikationsmittels wie der Treppe kann - um ein Beispiel herauszugreifen - gezeigt werden, wie architektonische Strukturen klanglich verformt oder sogar substituiert werden können. Die Projektserie "LINK" (Fuchs/ Eckermann, 1994 Bozen, Wien, Helsinki) griff Treppen aus historisch und baulich unterschiedlichen Kontexten heraus, um sie in eine parareale Klanghülle einzutopfen, die die reale Treppe an der medialen Treppe dekonstruierte. Treppensteigen heißt neben der physikalischen Tätigkeit immer auch Erfahrung einer Raumstruktur und einer Materialstruktur. Ich kann eine knarrende Holztreppe von einer polierten Marmorstiege über das Auge unterscheiden, sehr wohl aber auch über das Ohr und über meine taktilen Wahrnehmungen. Medienarchitekur bedeutet nun, diesen Zusammenhang neu zu schreiben. Wenn ich das Ohr mit anderen Raumkonzeptionen beliefern kann als das Auge, die Haut mit anderen Materialkonzeptionen als das Bewußtsein, dann spiele ich auf der Klaviatur der menschlichen Wahrnehmung polyphon. In diesem Sinne veränderten wir die akustische Erfahrbarkeit des Treppensteigens gegenüber der erinnerten. Die Treppe der Kunsthalle, die als Metalltreppe hart, nachhallend und physisch vibrierend in Erinnerung ist, wurde mit Klangmaterial überlagert, das im Gegenteil dazu weich, stumpf und federnd sich darstellte. Dann wieder brachen diese Klänge ab, um synthetischen Schrittmustern Platz zu machen. Interaktive Verschaltung ermöglichte Reaktionen des Computer-/ Sampler-Systemes auf die Treppensteiger.
Die Zielsetzung unserer Klangforschung visiert mittels zweier strategischer Stränge eine Möglichkeit an: Klang und Raumkonstruktion sollen nicht nur metaphorisch, sondern auch technisch und ästhetisch konkret zur Berührung gebracht werden. Die strategischen Stränge dazu entwickeln wir aus den Ausgangspositionen der Bereiche Musik und Architektur:
1. Wie baue ich aus Klang Raumstrukturen?
2. Wie kann ich Gebäude verklanglichen?
Für den Musiker (1) stellt sich die Frage, wie Zeitstrukturen zu Raumstrukturen gemacht werden können. Diese Fragestellung wurde historisch mit vor-elektronischen Mitteln immer wieder untersucht. Kurt Blaukopf behauptet in der "Musiksoziologie", daß die Raumerfahrungen der bilden Kunst und der Baukunst mit denen der Musik stets korrelierten (Vertikalität der Gotik bei Schütz z.B., Erfindung der Zentralperspektive in der Malerei und der harmonischen Tiefe in der Musik zum gleichen Zeitpunkt). Die Unterhaltungsindustrie versucht mittels Stereophonie, Quadrophonie und Surround-Verfahren ebenfalls eine Annäherung an die Simulation klanglicher Raumerfahrbarkeit. Dennoch bedarf es avancierter Forschung und Entwicklung, um die historischen Konzeptionen in die Gegenwart überzuführen und weiterzuentwickeln und die Beschränkungen der kommerziellen Systeme zu überwinden. Wir untersuchen Klangarchitektur als Möglichkeit transmedialer Irritation und Bereicherung. Es kann dabei weniger um eine universelles Kinosystem oder eine künstlerische Generalmethode gehen, als vielmehr um Untersuchungen im konkreten Projektrahmen, die spezielle Lösungen zu einem Repertoire der musikalischen Raumgeneratoren zusammenstellt.
Dem Architekten (2) wird Klang als non-materielles Konstruktionsmittel eröffnet, das helfen kann, architektonische Räume zu strukturieren, zu begrenzen, zu fokusieren. Wir untersuchen in diesem Zusammenhang ebenfalls historische Konzepte (wie die Soundskulpturen der Brunnen in orientalischen Gärten, Materialstrukturen von Treppen, Passagen, Rampen) experimentieren aber auch am Modell, am Baukörper und in der Simulation mit klangarchitektonischen Verfahren.
Der zuletzt aufgeführte Aspekt, die Simulation von Klangarchitektur am Computer, verweist auf die große Bedeutung, die avancierte Rechnersysteme für den Forschungsbereich Klangarchitektur einnehmen. Der Computer stellt als universelles Arbeitsmittel in der Tat den synaptischen Punkt im Begegnungsbereich von Klang und Architektur dar, zwischen den semantisch verankerten Feldern der Musik und der dreidimensionalen Konstruktion nimmt die Maschine, die als semantisch indifferentes Bindemittel dient, eine zentrale Position ein; katalysatorischer Superkleber für Sound und Space.